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Anthropic

Anthropic mietet Colossus 1 – Der überraschende Compute-Deal mit SpaceX/xAI

Felix Schmidt

Am 6. Mai 2026 hat Anthropic am eigenen Developer Day in San Francisco einen Deal bekanntgegeben, den kaum jemand erwartet hatte: Das Unternehmen mietet die gesamte Rechenkapazität von SpaceX' Colossus-1-Rechenzentrum in Memphis, Tennessee – von einem Unternehmen, das bis vor Kurzem als direkter Feind galt.

Was passiert ist

Anthropic hat einen Vertrag mit SpaceX unterzeichnet, um die gesamte Rechenkapazität des Colossus-1-Rechenzentrums in Memphis zu nutzen – über 300 Megawatt und mehr als 220.000 NVIDIA GPUs, verfügbar innerhalb eines Monats.1 Colossus 1 enthält dichte Deployments von H100-, H200- und GB200-Beschleunigern und gilt als einer der grössten und am schnellsten aufgebauten KI-Supercomputer weltweit.2

Warum Colossus 1 überhaupt frei war

Musk erklärte, er sei damit einverstanden gewesen, Colossus 1 an Anthropic zu vermieten, weil SpaceXAI sein Training bereits vollständig auf Colossus 2 verlagert hatte.3 Colossus 2 ging im Januar 2026 online. Weitere Rechenzentren in Southaven und auf angrenzenden Grundstücken sind in Planung oder im Bau.4 Anthropic mietet damit keine strategisch genutzte Infrastruktur, sondern Kapazität, die xAI intern bereits abgelöst hatte.

Eine Einschränkung zur „gesamten" Kapazität

Beide offiziellen Statements – von Anthropic und von SpaceXAI – verwenden die Formulierung „all of the compute capacity". Allerdings hatte xAI im April bereits angekündigt, dass Colossus-1-Kapazität auch von Cursor genutzt werden soll – dem KI-Code-Editor, den SpaceX für bis zu 60 Milliarden US-Dollar übernehmen will. Die Anzahl der von Cursor genutzten GPUs ist nicht öffentlich bekannt.4 Ob Cursor-Kapazität vor dem Anthropic-Deal ausgelagert wurde oder parallel weiterläuft, lässt sich aus öffentlichen Quellen nicht abschliessend klären.

Das Problem, das gelöst werden soll

Anthropic hatte im vergangenen Monat eingeräumt, dass die Nachfrage nach Claude zu einem „unvermeidlichen Druck auf die Infrastruktur" geführt hat, der Zuverlässigkeit und Performance beeinträchtigt – besonders in Stosszeiten.5 Der Hintergrund: Dario Amodei erklärte auf dem Developer Day, dass Anthropic im Q1 2026 um den Faktor 80 auf annualisierter Basis gewachsen ist – geplant waren 10x. Der annualisierte Umsatz hat 30 Milliarden US-Dollar überschritten, gegenüber 9 Milliarden am Ende 2025.6 Dieser Wachstumsschub erklärt, warum neue Kapazität so dringend gebraucht wird – und warum Anthropic keine Zeit hatte, auf langfristige Cloud-Deals zu warten.

Unmittelbare Massnahmen für Nutzer

Direkt mit dem Deal verknüpft sind drei sofort wirksame Änderungen:1

  • Die Fünf-Stunden-Rate-Limits von Claude Code werden für Pro, Max, Team und Enterprise verdoppelt
  • Die Peak-Hours-Limit-Reduktionen für Claude Code entfallen bei Pro- und Max-Accounts
  • Die API-Rate-Limits für Claude-Opus-Modelle werden erheblich angehoben

Einordnung: Colossus 1 als schnelle Brücke

Der SpaceX-Deal ist Teil einer breiten Beschaffungsoffensive – aber mit einer wichtigen Besonderheit: Er liefert Kapazität innerhalb eines Monats, während die grossen strukturellen Deals deutlich länger brauchen. Parallel laufen:1

  • Ein Bis-zu-5-GW-Abkommen mit Amazon (fast 1 GW bis Ende 2026)
  • Ein 5-GW-Abkommen mit Google und Broadcom (ab 2027)
  • Eine Microsoft-NVIDIA-Partnerschaft über 30 Milliarden US-Dollar Azure-Kapazität
  • Eine 50-Milliarden-Dollar-Investition in US-KI-Infrastruktur mit Fluidstack

Colossus 1 ist damit ein taktischer Kapazitäts-Boost – die strukturell grossen Volumen kommen später.

Geopolitik und ein ungewöhnliches Paar

Musk hatte Anthropic im Februar noch als eine Firma bezeichnet, die „die westliche Zivilisation hasst", und fragte öffentlich, ob es „ein heuchlerischeres Unternehmen als Anthropic" gebe.5 Jetzt ist er Lieferant. Nach eigenen Angaben verbrachte er die letzte Woche mit leitenden Anthropic-Mitarbeitern – und zeigte sich auf X beeindruckt.

Der Zeitpunkt ist schwer zu ignorieren: SpaceX hat im April vertraulich einen IPO-Antrag bei der SEC eingereicht, der eine Bewertung von 1,75 bis 2 Billionen US-Dollar anstrebt – mit dem öffentlichen S-1 voraussichtlich Ende Mai und dem Roadshow-Start in der Woche des 8. Juni.7 Anthropic als namentlich genannter Compute-Kunde stärkt SpaceX' Pitch als KI-Infrastrukturanbieter – mit AI Infrastructure nun als ausgewiesener Umsatzlinie im Prospekt.

Parallel dazu befindet sich Anthropic in einem Rechtsstreit mit der US-Regierung: Das Pentagon hatte Anthropic als Supply-Chain-Risiko eingestuft und von Militäraufträgen ausgeschlossen. Anthropic klagte, das Verfahren ist noch offen.5 Während Anthropic also bei SpaceX Rechenleistung kauft, kämpft das Unternehmen andernorts ums Recht, überhaupt für die US-Regierung tätig zu sein.

Internationale Expansion

Enterprise-Kunden in regulierten Branchen wie Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen und öffentlichem Sektor benötigen zunehmend regionale Infrastruktur. Die Amazon-Partnerschaft umfasst deshalb zusätzliche Inferenzkapazität in Asien und Europa.1

Ausblick: Orbital Compute

SpaceX hatte im Januar bei der FCC die Genehmigung für eine Konstellation von einer Million Satelliten für ein orbitales KI-Rechenzentrum beantragt – das Projekt steht noch vor erheblichen Hürden.4 Als Teil des Abkommens hat Anthropic Interesse bekundet, mit SpaceX mehrere Gigawatt orbitaler KI-Rechenkapazität zu entwickeln.1 Konkrete Pläne oder Zeitrahmen sind nicht veröffentlicht – es bleibt eine Absichtserklärung.

Was niemand sagt

Der Musk-Vorbehalt. Musk behält sich explizit das Recht vor, die Rechenkapazität zurückzufordern, falls Anthropics KI „Handlungen vornimmt, die der Menschheit schaden".3 Das ist keine juristische Randnotiz – es ist eine einseitige Kill-Switch-Klausel in einem Infrastrukturvertrag mit einem direkten Konkurrenten. Wer entscheidet, was „der Menschheit schadet"?

Die Auslastungsfrage. Die GPU-Auslastung von xAI soll laut The Information bei rund 11 Prozent gelegen haben – weit unter den 40 Prozent, die Konkurrenten erreichen.4 Colossus 1 an Anthropic zu vermieten ist für SpaceXAI also auch schlicht eine Monetarisierung brachliegender Hardware. Die finanziellen Konditionen des Deals wurden nicht veröffentlicht.

Die Cursor-Unklarheit. Solange SpaceX keine explizite Exklusivitätsaussage macht, ist „all of the compute capacity" als kommerzielle Formulierung zu lesen – nicht als technisch verifizierbare Garantie.


Footnotes

  1. Anthropic, „Higher usage limits for Claude and a compute deal with SpaceX", 6. Mai 2026, anthropic.com/news/higher-limits-spacex (abgerufen 7. Mai 2026) 2 3 4 5

  2. SpaceXAI, „New Compute Partnership with Anthropic", 6. Mai 2026, x.ai/news/anthropic-compute-partnership (abgerufen 7. Mai 2026)

  3. Yahoo Finance / Daniel Howley, „Anthropic to rent all AI capacity at SpaceX's Colossus data center", 6. Mai 2026, finance.yahoo.com (abgerufen 7. Mai 2026) 2

  4. Data Center Dynamics, „Anthropic to use all of SpaceX-xAI's Colossus 1 data center compute", 6. Mai 2026, datacenterdynamics.com (abgerufen 7. Mai 2026) 2 3 4

  5. CNBC, „Anthropic, SpaceX announce compute deal that includes space development", 6. Mai 2026, cnbc.com (abgerufen 7. Mai 2026) 2 3

  6. Cryptopolitan, „Dario Amodei Reveals 80x Growth as Anthropic Secures SpaceX Data Center Deal", 7. Mai 2026, cryptopolitan.com (abgerufen 7. Mai 2026)

  7. CoinDesk, „Anthropic signs Elon Musk's SpaceX for Colossus 1 compute ahead of June IPO", 6. Mai 2026, coindesk.com (abgerufen 7. Mai 2026)

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